Hilfe für Helene
29. Januar 2010
Gedanken und Schicksal
Diese Gedanken, die du beschreibst, liebe Yvonne (und auch Marion), mache ich mir unentwegt. Inwiefern können Gedanken und Ängste unser Schicksal beeinflussen? Haben wir nicht fest genug daran geglaubt, dass Helenchen gesund wird? Hätte ich noch stärker daran glauben müssen? Nein… ich hätte nicht mehr wünschen können als ich es tat. Die Angst sass unendlich tief und war immer präsent, aber ich habe fest daran geglaubt, dass sie es schafft. Immer und bis zum letzten Tag, auf den ich so völlig unvorbereitet war. Ich habe mir nicht im Entferntesten vorstellen können, es zu überleben, sollten wir sie verlieren. Und daher kam es einfach nicht infrage! Und doch ist es passiert.
All diese Bücher über Wunschbestellungen ans Universum, und wie sie alle heissen - was ist denn bloss dran an diesen Theorien? Ja, vermutlich fällt, wer ängstlich und unsicher über die zugefrorene Alster läuft, eher hin. Und wer mit stolz erfüllter Brust von sich und seinen Zukunftsvisionen überzeugt ist, erreicht seinen einen Traum wahrscheinlich auch eher, als derjenige, welcher vor lauter Ideen gar nicht genau weiss wohin er eigentlich will und wer er eigentlich ist.
Doch ob Wünsche und Ängste schwere Krankheiten beeinflussen? Ob wir uns wirklich unsere "eigene Realität" schaffen? So einfach ist das dann wohl auch nicht. Dazu ist die Welt zu komplex….
… das denke ich mir und frage mich dann doch wieder: Was habe ich in der Schwangerschaft falsches gedacht oder gemacht?
Euch ist euer Glück jetzt "noch" bewusster geworden und damit wird natürlich auch die Angst grösser, es verlieren zu können. Ich denke das kann in einem gesunden Mass nur positiv sein, denn es erinnert euch daran, den Moment zu geniessen und dankbar für die vielen kleinen Dinge im Leben zu sein. Wir können nicht mehr tun als unserem Leben zu vertrauen und jeden Moment zu geniessen, doch oft vergessen wir das und leben irgendwo in unseren Zukunftsplänen (und mit dem Alter dann irgendwann in der Vergangenheit). Den Moment zu geniessen, ist nicht gerade einfach. Ich habe es erst durch Helene gelernt und es ist eines der Dinge, für die ich jetzt unendlich dankbar bin. Wir haben jeden Moment bewusst gelebt. Das kann man niemandem beibringen, man kann es nicht erklären. Man muss es selbst spüren und erkennen.
Für mich stellt sich im Moment die Frage wie ich meinem Leben je wieder vertrauen kann. Ich will es für all das bestrafen. Stehe vor dieser unendlich schwierigen Aufgabe, einen Weg zu finden, die geliebte Vergangenheit mit in die Zukunft zu nehmen, die ich mir anders vorgestellt habe und vor der ich mich mit allen Mitteln sträube, weil ich die Zeit doch einfach nur zurückdrehen möchte. Vor kurzem las ich einen Artikel über Petra Schürmann. Viele Jahre vor ihrem eigenen Tod hat sie ihre Tochter verloren und kam über deren Tod nie hinweg. Mit den Jahren entwickelte sie in ihrer Verzweiflung eine schwere Sprachstörung. Ich las darüber und dachte mir, richtig, man kann das Leben einfach nicht mehr leben… und ich will es auch nicht. Es hilft mir nichts, wenn Aussenstehende mir sagen "Helene hätte dies oder jenes gewollt". In manchen Momenten möchte ich der Welt eben einfach zeigen, dass ich über Helenes Tod nicht hinweg kommen kann.
Und dann wieder spüre ich tief in mir all das was Helene bewegt hat und wie sie mich verändert hat. Und ich möchte es ihr zuliebe weitertragen, mein Leben neu gestalten. Nicht ohne sie, sondern mit ihr im Herzen. Ich spüre diese starke Verbindung zwischen uns und weiss Helenchen ist da, ich kann sie nur nicht mehr sehen. Wenn ich es schaffe, dieses Gefühl wahrzunehmen, gibt es mir eine unglaubliche Kraft und hilft mir neue Perspektiven zu entwickeln.
Und so vergehen die Tage, in denen ich mein Leben neu ordne und ich versuche meine kleine Tochter mitzunehmen, ohne sie im Arm tragen zu dürfen.
Ganz liebe Grüsse an euch alle
Marisa
PS: Wir haben ein ganz tolles Gründungsteam für unseren Verein und beschäftigen uns im Moment mit verschiedenen kleinen möglichen Projekten in Hamburg und Berlin. Ihr müsst euch aber noch ein wenig gedulden, bevor es los geht. Unsere Satzung liegt beim Finanzamt, die Gründung läuft und die website ist im Aufbau…. Wir freuen uns sehr, dass ihr egal in welcher Form dabei sein werdet!
08. Januar 2010
Liebe Freunde und Besucher
Wir möchten euch wieder ein paar Zeilen senden und euch allen ein gesundes Jahr 2010 wünschen. Weihnachten und Neujahr war für uns eine sehr schwere Zeit und wir sind nun ehrlich gesagt ein wenig froh, das "geschafft" zu haben.
Wie es uns geht? Auf und ab. Es wird nicht "besser" - es wird anders... Unsere Welt dreht sich halt irgendwie mit. Wir lernen die Sehnsucht nach Helenchen in den Alltag zu integrieren und die Entfernung zwischen ihrer und unserer Welt zu akzeptieren. Mal funktioniert das einigermassen, mal nicht. Wir beschäftigen uns sehr viel mit unserem Leben mit Helene. Ich schreibe viel auf, halte meine Erinnerungen fest und versuche meinen Sinn neu zu definieren. Es gibt Tage, an denen die Erinnerungen uns ein Lächeln auf das Gesicht zaubern und an denen wir für einen Moment sogar einfach glücklich sein können, diese Zeit mit Helene erlebt zu haben. Und dann gibt es Tage, an denen jede Erinnerung schmerzt und an denen ich keinen Schritt vor die Tür mache. Ich denke das nächste Jahr wird uns einige neue Wege aufzeigen und wir lassen einfach alles auf uns zukommen. Wir haben eine wunderbare Familie, tolle Freunde und wir haben zum Glück uns beide.
Helene hat eine unglaubliche Kraft in uns und unserem Umfeld sichtbar gemacht. Manchmal fragen wir uns wie genau das alles geschehen ist? Mir sagte jemand vor einigen Wochen: "Mir ist das alles einfach zu gross, um es verstehen zu wollen. Es ist ungefähr so als wäre ein kleines Marsmännchen auf der Erde gelandet, hätte all das bewegt, und wäre dann wieder abgereist". Mich haben diese Worte sehr berührt.
Je häufiger wir so etwas hören, oder eure zahlreichen Gästebucheinträge lesen, desto klarer wird uns, dass wir die Kraft, die Helene in unserem Umfeld mobilisiert hat, weiterleben lassen möchten. In ihrem scheinbar kurzen Leben hat Helenchen so viele Menschen berührt und Spuren in unzähligen Herzen hinterlassen. Wir haben von diesem Netzwerk an Kraft und Verbundenheit, dass sich da plötzlich für uns auftat zuvor nicht gewusst! Übrigens konnten durch Helene bis zum heutigen Zeitpunkt 28 Menschen transplantiert werden.
Wir möchten dieser bei unseren Aktionen sichtbar gewordene Hilfsbereitschaft eine dauerhafte Plattform geben. Wir haben uns daher mit einigen Freunden aus Berlin und Hamburg zusammengeschlossen, um im Namen von Helene einen Verein zu gründen. Wir möchten ihren Frohsinn, ihre Stärke und ihr liebevolles Vertrauen anderen hilfsbedürftigen Kindern weitergeben.
Wir werden diese Seite hier daher vorerst nicht schliessen, sondern euch in den kommenden Wochen Informationen zukommen lassen und dann zu gegebener Zeit auf eine andere Homepage umleiten.
Es ist für uns wunderschön, zu lesen und zu wissen wieviele "fremde" Menschen noch immer an Helenchen denken. Daher wollen wir Euch an unserem weiteren Weg teilhaben lassen.
Liebe Grüsse
Marisa und Johannes mit Engelchen Helene
PS: Wir können hier nicht auf alle einzelnen Beiträge eingehen. Wir möchten euch aber wissen lassen, dass uns auch eure Schicksale berühren und wir all denjenigen, die vor schweren Situationen stehen, dafür alles Gute wünschen. Und wir wünschen ganz besonders Oma Karin viel Kraft während ihrer weiteren Behandlung.
11. November 2009
Liebe Freunde und Besucher
So viele gute und liebevolle Gedanken sendet ihr uns noch immer über das Gästebuch oder per Post. Wir haben uns lange nicht gemeldet und auf viele Briefe noch immer nicht geantwortet, auf die wir gern antworten möchten. Und nun möchten wir euch hier erst einmal ein kleines Zeichen senden.
Manch einer glaubte, nicht schreiben zu dürfen, sich nicht „anmaßen“ zu dürfen, traurig zu sein. Doch wir sind froh über jede Zeile! Froh zu wissen, dass viele Menschen mit uns und auf ihre Art traurig sind!
Es tut gut, dass Menschen mit ähnlichen Schicksalen auf uns zukommen und uns Trost spenden. Aber auch Menschen, die bisher viel Glück im Leben hatten, zeigen uns ihre Anteilnahme und finden passende Worte und Gedanken. Wir sind froh, dass ihr Helene in euer Herz geschlossen habt und euren Alltag von ihr habt berühren lassen oder kleine Momente der Besinnung habt einkehren lassen. Dass ihr Helene in euren Gedanken weiterleben lasst und für immer einen kleinen Platz in euren Herzen für sie reserviert habt ist unser einziger Wusch und das schönste Geschenk.
Helenes erster Geburtstag naht. Wir können noch immer schwer begreifen, dass sie ihn nicht erleben wird. Die Welt dreht sich erbarmungslos weiter, man dreht sich irgendwie mit, doch nichts kann mehr sein wie es war. Trotz ihrer schweren Krankheit kam Helenes Tod sehr plötzlich. Ich rechnete nicht mit ihm, wies jeden Gedanken daran energisch von mir. Bis zu den Momenten auf der Intensivstation, in denen ich spürte, dass wir sie verlieren und verzweifelt versuchte, dagegen „anzudenken“. Wenn ich auch nur daran denke, dass Helene sterben könnte, wird es dann nicht vielleicht nur gerade deshalb wahr? Jeder, der ähnliche Ängste durchlitten hat, kennt diese merkwürdigen Gedanken.
Unsere Gedankenreisen seit Helenes Tod können wir kaum in Worte fassen. Auch wenn da draußen der Alltag einkehrt – in uns ist nichts mehr so wie es mal war. Johannes arbeitet seit einigen Wochen und auch ich versuche seit ein paar Tagen ein wenig Ordnung in mein Büro zu schaffen und zu verstehen wer ich vorher war? Und wer ich nun bin?
Eine liebe Bekannte mit einem ebenfalls sehr schweren Schicksal formulierte dieses Gefühl so treffend, dass ich keine besseren Worte finden kann. Sie schrieb: „Mit dem Tod unserer Kinder ist unser Leben von jetzt auf sofort entzaubert worden. Und diese Entzauberung schwingt in jeder Sekunde unseres Seins in allem, was uns ausmacht, ganz tief in unserem Innersten. Diese Entzauberung schwingt in unseren Herzen gleichermaßen wie in unserem Verstand, sie schwingt im gesamten Körper... Diese tiefe Traurigkeit und Sehnsucht, auch wenn wir lernen, sie in unser weiteres Leben zu integrieren, wird immer da sein. Und wenn ein sensibles Gegenüber in Deine Augen schaut, wird er es in Deinen Augen sehen... Es ist eben niemals mehr so wie es war.“
Viele Tage lang habe ich mich immer und immer wieder gefragt: Warum lebe ich noch? Wie kann es sein, dass ich Helenes Tod über-lebe? Langsam begreife ich, dass es nicht wahr ist. Mein altes Ich hat es nicht überlebt. Ich bin und werde zu einem anderen Menschen, der das Leben anders begreifen lernt….
Ein Teil von uns ist fortgegangen, lebt in einer anderen Welt, deren Tür für uns für lange Zeit verschlossen bleibt. Durchs Schlüsselloch kann ich sie fühlen – diese Welt. Ich weiß nicht was oder wie es dort ist. Doch ich spüre eine sonderbare Gewissheit, dass sie dort ist! Wir stehen mit einem Bein darin, sind über ein unsichtbares festes Band – unsere Liebe zu Helene – damit verbunden.
Die tiefe Traurigkeit und Sehnsucht nach Helene wird niemals vergehen. Ich weiß, auch diese Sehnsucht wird uns irgendwann Raum für Fröhlichkeit geben. Doch sie wird uns unser Leben lang begleiten. Bedingungslos glücklich werden wir nie mehr sein.
Wir ordnen unser Leben neu und suchen. Suchen nach einem neuen Sinn. Helene hat so viele Herzen berührt, wie hat sie das nur geschafft?
Eure Marisa & Johannes
Next page: Aktuelles